Rundbrief Nr. 28 - Herz-Jesu-Familie

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Rundbrief Nr. 28 vom 19. Mai 2011 - Herz Jesu - bilde unser Herz nach deinem Herzen

Erwägungen von Pater. Franz Karl Banauch FSSP

„Ich wünsche Ihnen, daß Sie hier viele gute Priester ausbilden, Priester nach dem Herzen Jesu!“ Wie oft habe ich als Regens diese Worte schon von guten, gläubigen Seelen gehört oder gelesen, und bisweilen beschlich mich heimlich die Frage, ob es nicht doch vielleicht mehr eine fromme Phrase sei, über deren Inhalt man noch wenig nachgedacht hat. Darüber zu urteilen steht mir gewiß nicht zu. Ohne Zweifel aber handelt es sich dabei um den schönsten Wunsch, der an ein Priesterseminar ergehen kann: Daß die dort Ausgebildeten wahrhaft zu Priestern nach dem Herzen Jesu werden mögen. Das Wort Herz gehört wohl zu jenen Begriffen, die wir zwar häufig und wie selbstverständlich gebrauchen, deren großer innerer Reichtum uns aber vielfach entgeht. Ganz allgemein verwenden wir es ja als analogen Begriff, das heißt als ein Wort, das mehrere Bedeutungen umschließt, wobei gleichzeitig diese Bedeutungen miteinander in engem Zusammenhang stehen. Neben dem rein körperlichen Organ Herz, welches unseren Blutkreislauf beständig in Bewegung erhält, denken wir dabei auch an Gefühls- und Gemüthaftes, nicht zuletzt ist es aber auch gleichbedeutend mit dem inneren Antrieb geistigen Wollens unserer Seele.

Sowohl die Unterschiede als auch die gegenseitige Verwandtschaft dieser Bedeutungen liegen auf der Hand. Vor allem die Scheidung der ersten Bedeutung von den anderen bedarf keiner langen Erklärung. Niemand käme etwa auf die Idee, hartherzige Menschen mit einem Herzschrittmacher kurieren zu wollen. „Herz“ als Mitte des Gemüts ist neben dem körperlichen Organ wohl die gebräuchlichste Bedeutung und nimmt einen breiten Raum in unterschiedlichster Literatur ein. Wenn wir aber etwa sagen, jemand solle „seinem Herzen einen Stoß geben“, dann rekurrieren wir eigentlich bereits an die dritte Bedeutung, denn hier geht es klar um eine überlegte Willensentscheidung. Wenn man seinem Herzen einen Stoß gibt, dann geht es eben nicht mehr um bloß Gefühlsmäßiges. Dann versucht sozusagen unser Verstand, unseren Willen zu überzeugen.  

Allen diesen Bedeutungen von „Herz“ ist aber gemein, daß es um etwas ganz Zentrales geht, das, obwohl selbst im Verborgenen liegend, großen Einfluß auf alles andere rundherum ausübt. Es geht um ein geheimes Zentrum, von dem anderes abhängt. Im Fall des natürlichen Organs gilt das Herz daher als das Zeichen für das Leben des Organismus. Wenn das Herz schlägt, dann ist man lebendig, hat es einmal aufgehört zu schlagen, dann ist man entweder tot oder aber in allerhöchster Lebensgefahr. Ebenso zentral erscheint das „Herz“ für das Gefühlsleben oder aber, auf wesentlich höherer Ebene,  als Mitte unseres Wollens. Gott allein (Sirach Kapitel 42, Vers 18) kennt die Absichten unserer Herzen, denn es ist wirklich das Innerste unseres Inneren. Auch wir selbst täuschen uns ja bisweilen über unsere geheimen Absichten und kennen unser Herz nicht bis ins letzte. Ja, wird im übrigen der Zusammenhang dieser verschiedenen Begriffsebenen von „Herz“ nicht allein schon darin deutlich, daß Bewegungen unseres Gemüts oder ein starkes Wollen unseres geistigen Herzens selbst das physische Herz in seinem Schlagen zu beschleunigen pflegen?

Was aber kann uns das alles über das Herz Jesu sagen? Wenn wir das Herz Jesu ansprechen, so gehören alle diese Bedeutungsebenen dazu, aber noch mehr als dies. Bei Jesus meint „Herz“ ebenso sein physisches Organ, das der an Seiner Brust lehnende Lieblingsjünger, schlagen hörte, das nach Seinem Tod mit der Lanze durchbohrt wurde, aus dem dann Blut und Wasser hervorquollen. In Seinem „Herzen“ wurde Er aber auch bewegt, als Er vom Tod des Lazarus hörte, und den Schmerz dessen Schwestern mitfühlte. Nicht weniger aber bedeutet Sein  „Herz“ jenes Innerste seiner menschlichen Seele, aus dem Seine reine Absicht zur Erlösung der Menschen hervorging. Es ist der Inbegriff Seiner Erlöserliebe zu den Menschen. Seine menschliche Seele war ja zu innerst von höchster Liebe erfüllt. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß in Ihm neben diesem menschlichen Wollen zuallererst aber noch das göttliche ewige Wollen der zweiten göttlichen Person lebendig ist. Nach dem dritten Konzil von Konstantinopel (681 nach Christus.) müssen wir in Christus ja sowohl einen göttlichen als auch einen menschlichen Willen unterscheiden, da Er ja wahrhaft und ganz Gott und wahrhaft und ganz Mensch ist. Niemals hat ein Widerspruch zwischen diesen beiden Willen in Ihm bestanden, aber beide sind voneinander verschieden in Ihm lebendig: Göttliches Wollen, das mit dem ewigen Wesen Gottes selbst in eins fällt und menschliches Wollen, das mit Seiner irdischen Existenz erst ins Leben trat. Dabei war Sein menschliches Wollen zeit seines irdischen Lebens gänzlich dem göttlichen Wollen untertan und gehorsam.

Wenn wir also das Herz Jesu anrufen, so dringt unser Ruf gewissermaßen durch sein leibliches Organ, das von der Lanze geöffnet worden ist, bis hin zu Seinem geistigen Herzen, zum Fühlen und Wollen Seiner menschlichen Seele, aber auch hin bis zum göttlichen Wollen. Die geöffnete Seite unseres Erlösers läßt uns vordringen bis in jenes innerste Heiligtum der Gottheit, die in geheimem Ratschluß das Heil der Menschen beschlossen hat, also bis hin zu jenem brennenden Dornbusch göttlicher Liebe, der als loderndes Feuer doch nie verzehrt wird.

Diese Überlegung über den Zusammenhang der unterschiedlichen Bedeutungen von „Herz“ ermöglicht uns eine Vielzahl von Glaubenserwägungen über das Heiligste Herz Jesu, die hier unmöglich alle ausgeführt werden können. Unergründlich sind die Tiefe und der Reichtum dieses Herzens. Kann es etwa noch überraschen, daß der Lieblingsjünger, der am Herzen des Herrn gelegen hat, Seinen Meister auch am tiefsten von allen Aposteln verstehen konnte? Daß er ausharrte bis zur Durchbohrung dieses Herzens am Kreuz? Daß er als adlergleicher Verfasser des vierten Evangeliums am tiefsten zur Gottheit jenes Zeichen durchdringen konnte und gleichzeitig in seinen Briefen zum Herold jenes verborgenen Gottes geworden ist, der  die Liebe ist? Was aber muß jener Johannes am Herzen Jesu etwa wahrgenommen haben, als der Herr bei jener bedeutungsschweren Stunde des Abendmahles innerlich zutiefst bewegt ankündigte, daß einer von ihnen Ihn verraten werde? Er ist es aber auch, der uns von der Durchbohrung jenes Herzens berichtet, die Ausgangspunkt jeglicher Herz-Jesu-Mystik ist. „Ge-öffnet“ wurde Jesu Herz, wie es der Apostel und Evangelist bewußt formuliert. Gerade im Moment Seiner Lebenshingabe am Kreuz öffnet sich Sein Herz. Es eröffnet uns Zugang zu Ihm, zu Seinem Innersten. Es spricht zu uns von Seiner verströmenden Erlöserliebe. Es symbolisiert aber auch jenen Zugang zum innersten Heiligtum Gottes, der von aller Ewigkeit her und bis in alle Ewigkeit wesenhafte dreifaltige Liebe ist. Demjenigen, der wahrhaft zum Gekreuzigten aufblickt, schenkt Jesus somit Zugang zu Seinem Herzen, im umfassendsten Sinne des Wortes. Diese „Öffnung“ des Herzens Jesu darf uns aber auch nicht darüber hinweggehen lassen, daß es dabei nichts desto weniger um eine Herzens-Wunde geht. Sein Herz wurde durchbohrt. Und auch dieses Geschehen wollen wir auf dem Hintergrund der tiefschichtigen Bedeutung von „Herz“ erfassen.

Das Herz Gottes als jene geheimnisvolle, alles unendlich übersteigende Liebe ist ja vollkommen unverletzlich. Nichts kann Gott in Seiner Gottheit derart treffen, daß Er darunter leiden könnte. Dennoch ist jegliche Sünde der Geschöpfe, vom Aufbegehren Luzifers und von der Ursünde der Stammeltern bis hin zu den Sünden unserer Tage und jenen, die noch bis zum Ende der Welt geschehen werden, objektiv jeweils ein solcher Lanzenangriff auf das Herz Gottes. Man könnte sagen: Gott wird objektiv durch die Sünde beleidigt, ohne daß Er beleidigt wäre.

Für Gott wäre Leidensfähigkeit ein Zeichen der Unvollkommenheit, aber Gott hat die Torheit erwählt, um Seine verlorenen Kinder heimzuholen. So nahm Gott Sohn, die zweite göttliche Person, eine leidensfähige menschliche Natur an und wurde als Mensch geboren, um sich gewissermaßen  jener  zum  Stoß  erhobenen  Lanze  zu  stellen. Nicht  anders  als  durch  ein schmerzhaftes Opfer wollte Er uns erlösen, um uns sowohl zu verdeutlichen, welch furchtbare Auflehnung die Sünde darstellt, als auch wie unendlich erhaben darüber die wiedergutmachende Liebe des von der Sünde getroffenen Gottes ist. Er, der in Seiner ewigen göttlichen Natur von der zustechenden Lanze nicht verwundet werden konnte, hielt ihr eine eben dafür angenommene menschliche Brust, ein Herz aus Fleisch entgegen. „Seht den Menschen!“, sprach Pilatus, als er der Menge den Gegeißelten vorführte. Ja, hätten wir nur einen klaren Blick für menschliches Leid, wir könnten durch das menschliche Leid bald auch hindurchsehen bis zu dem, was sich damals eigentlich ereignete: „Seht den verwundeten Gott!“, hätte Pilatus ausrufen können, hätte Er selbst Augen gehabt, um zu sehen. Die Durchbohrung des Herzens Jesu ist somit nicht bloß eine weitere schmerzhafte Verletzung, sie läßt uns vielmehr erahnen, wie das Herz des Gottmenschen in allen Dimensionen von der Schärfe der Sünde getroffen wird. Nach wie vor ist Er in seiner göttlichen Natur unverwundbar, aber seine menschliche Natur hat der Sohn in die Einheit Seiner Person derart aufgenommen, daß Er es wirklich selbst ist, der leidet, wenn auch „nur“ gemäß seiner menschlichen Natur. Er, der da litt, Er der Sein Herz durchbohren ließ, ist dennoch wahrer Gott. So offenbart uns das Herz Jesu die geheimnisvollsten und tiefsten Zusammenhänge der gottmenschlichen Verbindung in Jesus.

Gelitten hat vor allem Seine menschliche Seele, welche die physischen Schmerzen ebenso in sich aufnahm wie die seelischen, die vor allem die Bosheit der Sünde buchstäblich erlitt. So rein und heilig war Seine Seele, daß Er mehr unter dem zum Himmel schreienden Unrecht der Sünde litt als unter der persönlichen Zurücksetzung und Beleidigung, die Er Seiner Menschheit nach empfinden mußte. Und wie furchtbar war schon diese! Als Heilender, Tröstender, Aufrichtender, venn auch gleichzeitig Mahnender, war Er durch die Lande gezogen. Der Dank dafür ist der Ruf: „Ans Kreuz mit Ihm!“ Welch ein Schmerz aber vor allem, von den Allerliebsten im Stich gelassen zu werden. Seine Vertrautesten hatte er sich für die Stunde größter Verlassenheit in Gethsemane an die Seite gewünscht. Mußte ihr Schlafen angesichts Seiner bittersten Not Ihm nicht deren Nähe als noch größere innere Ferne erscheinen lassen? Hat dies Seine Verlassenheit nicht noch vergrößert? Schließlich der Verrat durch einen, den Er in die Auswahl Seiner Getreuesten berufen hatte. Und dennoch: Sein Herz verschloß sich vor keinem dieser Menschen. Ja, hätte Judas sich nicht in sich abgekapselt, er hätte Erbarmen am Herzen Jesu gefunden. Es ist wahr: Sein Verbrechen, wie auch unsere Sünden haben dieses Herz durchbohrt. Doch Er ließ es aus freiem Willen öffnen, und hervor trat der Lösepreis unserer Erlösung: Sein kostbares, vom Leben zeugendes und selbst Leben verschenkendes Blut und das Wasser der Reinigung im Sakrament der heiligen Taufe.
Ja, auch das menschliche Herz des Herrn zeugt von göttlicher Liebe, von göttlichem Erbarmen! Wir stehen vor dem unfaßbaren Geheimnis der menschgewordenen ewigen Liebe dessen, der die Liebe ist! Wehe dem, der sich nicht bloß vor der göttlichen Gerechtigkeit versteckt, sondern der sich auch der gewinnenden Liebe Seines Herzens zu entziehen trachtet! Christus drängt sich nicht auf, aber Er hält uns Seine geöffnete Seite entgegen. Treten wir hinzu, um diese weiter zu verwunden, oder treten wir hinzu, um aus Ihr jenes neue Leben zu empfangen, welches auch das physische Herz Jesu im Moment der Auferstehung erneut zum Schlagen brachte? Wie könnte man teilnahmslos bleiben angesichts des wunderbaren Geheimnisses Seines Herzens!

Das Priestertum,  so sagte der heilige Pfarrer von Ars, dessen priesterliches Gedenkjahr zum Herz-Jesu-Fest im Jahre 2010 seinen Abschluß fand,  ist die Liebe des Herzens Jesu. Möge dieses Herz tatsächlich erneut und mächtig schlagen im katholischen Priestertum, möge es dieses aus der selbst- und fremdverschuldeten Schmach, die gerade in diesem Jahr an’s Licht getreten ist, herausreißen. Möge das göttliche Herz auf übernatürliche Weise die Herzen von uns Priestern in Seinen Rhythmus bringen und ihnen Seine Gesinnung einfließen. Ja, möge Er Seiner Kirche tatsächlich Priester nach Seinem Herzen schenken!

Pater Franz Karl Banauch wurde am 19.09.1972 in Mödling, unweit von Wien, als drittes von vier Kindern geboren. Seinen Eltern  verdankt er eine frühe und lebendige Verankerung im katholischen Glauben, sowie einen kritischen Blick auf verschiedene Strömungen in Gesellschaft und Kirche, die diesen Glauben in Theorie oder Praxis auszuhöhlen in Gefahr sind. Während seiner Jugend widmete er sich eine gewisse Zeit der Pfadfinderei, ehe der Gesang in einem Knabenchor ihr Konkurrenz machte. Die überlieferte Liturgie lernte er in den Jahren 1983 bis 1988 als Meßdiener bei der Priesterbruderschaft Sankt Pius der Zehnte kennen. Danach verfolgte er, mit zunächst noch geheim gehaltenem „Eintrittsinteresse“, die Gründung und erste Entwicklung der Priesterbruderschaft Sankt Petrus. Nach dem Abschluß des humanistischen Gymnasiums, ich hatte im Hinblick auf das Priestertum Altgriechisch, anstelle von Französisch gewählt, nicht wissend, daß ich später als Priester im internationalen Priesterseminar letzteres deutlich mehr gebrauchen würde, das ich dann mit Hilfe meiner französischen Mitbrüder zur Seminarzeit erlernen durfte, trat er 1991 in Wigratzbad ein, empfing nach und nach Tonsur, niedere Weihen und Subdiakonat durch den Augsburger Weihbischof Max Ziegelbauer, die Diakonatsweihe im Mai 1996 durch Bischof Wolfgang Haas, und die Priesterweihe am Vigiltag von Peter und Paul 1997 durch Erzbischof Bernard Jacqueline. Die ersten vier Jahre nach der Weihe kam Pater Banauch in der Schweiz zum Einsatz und begann später dort auf Geheiß der Oberen auch in der Katholischen Fakultät der Universität Fribourg weiterzustudieren. 2001 bis 2003 leitete er, zurück in Wigratzbad, das Spiritualitätsjahr und schloß im Herbst 2004 sein Studium mit dem kanonischen Lizentiat in Schwerpunkt Dogmatik ab. Danach ging es für zwei Jahre nach Köln, ehe er im Sommer 2006 zum Regens des Priesterseminars Sankt Petrus ernannt wurde, welche Aufgabe er gegenwärtig ausübt.


 
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